Januar, nachts. Ein Zimmer
Das Zimmer hatte ein Fenster, einen Tisch und einen Stuhl, und mehr brauchte er nicht. Die Deckenlampe ließ er aus. Auf dem Tisch stand eine Schreibtischleuchte mit einem Gelenkarm, und er hatte den Arm so weit hinuntergebogen, dass der Lichtkreis nicht größer war als ein Blatt Papier.
Draußen regnete es seit dem Nachmittag. Das Wasser lief in Schlieren über die Scheibe, und dahinter lagen nasse Dächer, ein Stück Bahntrasse, auf der ab und zu ein leerer Zug vorbeiglitt, und weiter hinten, angestrahlt, ein Dom mit zwei Türmen. Er sah nicht hin. Er hatte ihn am ersten Abend gesehen, und das genügte.
Vor ihm lag ein Block Notenpapier, noch in der Folie. Er schnitt sie mit einem Teppichmesser auf, faltete sie zusammen und steckte sie in die Tasche seiner Jacke, die über der Stuhllehne hing. Daneben lagen ein Bleistift, weich, frisch gespitzt, ein zweiter als Reserve, ein Radiergummi, den er nicht benutzen wollte, und ein Lineal aus Metall.
Er trug dünne Handschuhe. Er trug sie, seit er das Zimmer betreten hatte.
Auf dem Handy, das er gegen die Leuchte gelehnt hatte, war ein Foto geöffnet. Eine Seite aus einem Notenheft für Anfänger, schräg aufgenommen, mit einem Daumen am Rand. Fünf Linien, darauf schwarze Punkte mit Hälsen, manche auf einer Linie, manche dazwischen, einer mit einem kleinen Gitter davor. Am Anfang der Zeile eine Schleife, die sich um sich selbst wand wie ein Draht.
Er konnte keine Noten lesen. Es spielte keine Rolle. Er hatte gelernt, Dinge abzuzeichnen, die er nicht verstand: Unterschriften, Stempel, Grundrisse. Man musste nicht wissen, was etwas bedeutete. Man musste nur wissen, wo es saß.
Die Schleife übte er auf einem Zettel. Zwölfmal, bis sie nicht mehr zitterte. Dann riss er den Zettel in kleine Stücke und legte sie in einen Gefrierbeutel, den er zuknotete.
Er ließ das erste Blatt am Block, weil Papier auf Papier weicher zeichnete. Er legte das Lineal an und maß den Abstand zwischen den Linien, obwohl sie vorgedruckt waren. Dann zeichnete er die Schleife, ruhig, in einem Zug. Er sah auf das Foto, zählte die Linien von unten, setzte die Bleistiftspitze an und zog einen kleinen, gefüllten Kreis, drehte den Stift dabei zwischen den Fingern, damit der Kreis rund wurde und nicht oval. Dann den Hals, senkrecht nach oben, so lang wie auf der Vorlage.
Er hielt das Blatt ins Licht. Es sah aus wie etwas, das ein Mensch geschrieben hatte, der wusste, was er tat. Das war alles, was es sein musste.
Er trennte es an der Perforation ab, legte es zur Seite, mit der Rückseite nach oben, und begann das nächste.
Beim Gitter brauchte er länger. Zwei senkrechte Striche, zwei schräge, die nicht zu dick werden durften. Er zeichnete es dreimal auf einem neuen Zettel, bevor er es auf das Blatt setzte, dicht vor den Kreis, so dicht, wie es auf dem Foto stand.
Es dauerte über zwei Stunden. Nach jedem Blatt legte er den Bleistift parallel zur Tischkante, bevor er das nächste nahm. Einmal fuhr unten auf der Straße ein Wagen mit eingeschaltetem Fernlicht vorbei, und der Lichtfleck wanderte über die Zimmerdecke. Er wartete, bis der Fleck verschwunden war.
Am letzten Blatt arbeitete er am längsten.
Als er fertig war, zählte er sie. Neun Blätter. Er zählte sie ein zweites Mal, in umgekehrter Reihenfolge, und legte sie dann in eine Mappe aus grauem Karton, deren Gummiband er zweimal um die Ecken zog. Den Block, in dem jetzt neun Seiten fehlten, legte er dazu.
Die Mappe kam in eine Tasche, die Tasche unter das Bett.
Er schaltete die Leuchte aus und blieb im Dunkeln sitzen. Der Regen schlug auf das Fensterblech, gleichmäßig, ohne Eile, und er hörte zu, bis er nicht mehr zuhörte. Er dachte nicht an Namen. Er dachte an den Weg zum Bahnhof, an das Wetter in der nächsten Woche und daran, dass er neue Bleistifte kaufen musste, weil man sich nie auf zwei verlassen sollte.
Dann zog er die Handschuhe aus, und erst dann ging er schlafen.